Burgruine - Höhle - Neutempler

Burgruine Dietfurt

Der Überblick

Dietfurt ist eine uralte Siedlung. Dies zeigt sich schon am Namen: „Diet“ ist eine alte deutsche Bezeichnung für Volk, Furt bezeichnet einen Flussdurchgang an einer untiefen Stelle. Die eindrucksvollen Funde aus der ersten Halle der Burghöhle, die sich unter dem oberen Teil des Burgbergs befindet, verweisen auf die wiederkehrende Anwesenheit von Menschen seit der Alt- und Mittelsteinzeit. Das herausragende archäologische Fundstück ist ein in der Burghöhle geborgener gebrannter Estrich mit Kreisverzierung aus der jüngeren Urnenfelderzeit ca. 1000 v. Chr. Auch die Römer haben auf dem Burgberg einige wenige Spuren hinterlassen. Das markanteste Bauwerk, die mittelalterliche Burg mit dem hoch aufragenden Bergfried, wurde durch den Dietfurter Ortsadel errichtet, dessen älteste schriftliche Erwähnung bis 1095 zurückreicht. Die Burg wurde schon 1593 als „Ruine“ bezeichnet.

Seit 1850 ist diese Ruine im Besitz von Dietfurter Bauern. Ab 1927 verkauften zwei Bauernfamilien, denen der größte Teil des Burgbergs mitsamt der Ruine gehörte, diesen an den deutschen Zweig des Neutemplerordens des Lanz von Liebenfels. Der Orden, ein rechtsesoterischer, rassistischer und frauenfeindlicher Männerbund, errichtete hier seinen deutschen Hauptsitz, das „Neutemplererzpriorat Staufen“. Dieses erlosch mit Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Gute zwei Jahrzehnte später, in denen die frühere Neutemplerunterkunft der Unterbringung zunächst einer ausgebombten Neutemplerfamilie, später einer Flüchtlingsfamilie aus Bessarabien gedient hatte, übernahm 1964 die DRK-Bergwachtbereitschaft das gesamte Areal.

Die Burghöhle als archäologische Fundstätte

Querschnitt durch die Burghöhle Dietfurt
Durchgang von der ersten in die zweite Halle der Burghöhle





Der Eingang der Burghöhle Dietfurt ist mit einer Mauer aus den 1920er-Jahren sowie einer Eisentür verschlossen. Zugänglich ist sie nur nach Absprache und in Begleitung von Bergwachtangehörigen. Sie besitzt insgesamt drei miteinander verbundene Hallen. Von der Altsteinzeit bis zur Aufgabe der Burg wurde nach bisherigem Befund vor allem die erste und oberste Halle von Menschen genutzt. Dieser Teil der Höhle wurde von 1987 bis 1996 in Verantwortung der Universität Köln (Prof. Taute) wissenschaftlich ergraben.

Ein herausragendes Fundstück aus der Zeit des späten Magdaléniens um 12500 v. Chr. ist ein mit Schnittmarken versehenes Fragment eines menschlichen Hinterhauptbeines, das auf rituell bedingte Behandlung des vermutlich weiblichen Leichnams als Bestandteil komplexer Totenriten hindeutet. Mesolithische Schmuckstücke zeigen, dass die Jäger und Sammler weite, wohl saisonal bedingte Wanderungen bis bspw. in den Mainzer Raum unternahmen.

Ein weiterer bedeutender Fund ebenfalls aus der Eingangshalle, der aus der Urnenfelderzeit (ca. 1200-750 v. Chr.) stammt, ist ein mehrere Zentimeter dicker Lehm-Estrich. Der Bereich einer Feuerstelle auf diesem Estrich war sorgfältig mit fünf konzentrischen Kreisen (Durchmesser außen: 89 cm) verziert. Das Kreisornament wurde aus der Höhle entnommen und ist heute im Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart (Altes Schloss) zu besichtigen. Selbst die Römerzeit ist durch einige wenige Funde (Münzen, Fingerring) belegt. Zu den mittelalterlichen Funden aus der Höhle gehören zahlreiche Flachglasfragmente, beinerne Spielwürfel und Münzen.


Weiterführende Links:
Angela Vielstich, Auf den Spuren der Steinzeitmenschen zwischen Inzigkofen und Dietfurt, Unveröffentlichtes Manuskript, Inzigkofen 2002. (PDF)

Joachim Wahl, Skalpiert im Rahmen des Totenrituals. In: Karies, Kampf und Schädelkult, Stuttgart 2007. (PDF)

Wolfgang Taute zur Burghöhle Dietfurt. In: C14 - Die Gebeine des Papstes, Neue archäologische Entdeckungen in Deutschland, Bertelsmann, o.J. Zusammengefasst von Walther Paape. (PDF)

Die mittelalterliche Burg Dietfurt

Die mittelalterliche Burg Dietfurt. Rekonstruktionsversuch von Christoph Stauß




Die Bergwachthütte liegt auf dem Areal der mittelalterlichen Feste Dietfurt. Das Geschlecht derer von Dietfurt wurde 1095 erstmals genannt, die erste urkundliche Erwähnung der Burg datiert 1274. Nach dem frühen Aussterben des Geschlechts und wechselnden Besitzverhältnissen unterstand die Burg über Jahrhunderte der Ortsherrschaft des Hauses Fürstenberg. Nach 1806 gehörte Dietfurt politisch zum Fürstentum Hohenzollern-Sigmaringen. Nach 1850 besaßen Dietfurter Bauern große Teile des Burgbergs, zu denen die gesamte Ruine und auch die Burghöhle gehörten. Diese veräußerten ihre Anteile ab 1927 an den Neutemplerorden, von dessen Erben die DRK-Bergwacht Sigmaringen die Liegenschaft im Jahre 2005 erwarb. Zwischen 1965 und 2005 hatte die DRK-Bergwacht die Hütte gepachtet. Fragmente eines kunstvoll verzierten Fußbodens, gefunden auf der heutigen Plattform des im 11. Jahrhundert erbauten Bergfrieds, stammen vermutlich aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Zusammen mit mehreren Armbrustbolzen und Rüstungsteilen erinnern diese Fundstücke an die mittelalterliche Geschichte Dietfurts.

Dietfurt, Sitz eines Männer-Geheimbundes



Die Hütte der Bergwachtbereitschaft Sigmaringen war von etwa 1928 bis zum Zweiten Weltkrieg Standort und Unterkunft der wichtigsten deutschen Niederlassung des ONT (Ordo Novi Templi = Neutemplerorden). Dieser hat die heutige Bergwachthütte erbaut. Er führt seinen Namen auf den mittelalterlichen Templerorden zurück, den der Ordensgründer im Jahre 1900 wieder auferstehen lassen wollte. Dieser war Josef Adolf Lanz (1874-1954), der, aus Wien stammend, nach Theologiestudium und Priesterweihe (Ordensname: Georg) aus dem Kloster Heiligenkreuz nahe Wien austrat und den ONT gründete. Dieser verstand sich als religiöse Gemeinschaft, an der vieles, vom Habit bis zum Kult, an traditionelle christliche Orden erinnert. Das österreichische Ordenszentrum bildete die Burg Werfenstein nahe Grein, rund 80 km donauaufwärts von Wien. Der Orden pflegte eine von Lanz konstruierte Rassereligion, die sich aus christlichen und germanischen Elementen zusammensetzte, vertrat aber neben dem rassistischen auch antisemitisches und frauenfeindliches Gedankengut. Nach seinem Klosteraustritt mit 25 Jahren nannte sich der ehemalige Mönch und Priester „Baron Dr. Georg Lanz von Liebenfels“, auf das rechtmäßige Führen des akademischen Titels und des Adelsprädikats gibt es keine Hinweise. Nach neueren Forschungsergebnissen hatte der Antisemit Lanz eine jüdische Mutter. Den Mittelpunkt seines Denkens bilden die angeblichen Interessen der „arischen Rasse“, des Deutsch- und Germanentums. Lanz veröffentlichte seine Lehren in den nahezu ausschließlich selbst verfassten „Ostara-Heften“, die überall in Österreich, später auch in Deutschland vertrieben wurden. Ein nachweislich regelmäßiger Leser der Ostara-Hefte war Adolf Hitler, so dass der Titel des Klassikers der Lanz-Forschung, „Der Mann, der Hitler die Ideen gab“ von Wilfried Daim, sicher zu einem Teil seine Berechtigung hat. Ein schwäbischer Förster, Paul Weitbrecht, gründete in den frühen 1920er- Jahren eine süddeutsche Gruppe des Neutemplerordens, die sich in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts regelmäßig in der Bahnhofgaststätte in Gutenstein traf und sich allmählich in Dietfurt festsetzte. Es wurde eine Unterkunft errichtet, die 2. Halle der Burghöhle wurde zur religiösen Kultstätte ausgebaut. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges erloschen die Aktivitäten des ONT in Dietfurt.

Siehe hierzu:

Walther Paape, Im Wahn des Auserwähltseins. Die Rassereligion des Lanz von Liebenfels, der Neutemplerorden und das Erzpriorat Staufen in Dietfurt - eine österreichisch-deutsche Geschichte. Gmeiner-Verlag Meßkirch 2015.

Weiterführender Link:
Oberschwabenportal (www.oberschwaben-portal.de). Dort „Geschichte“, dann „Dietfurt“ anklicken.

Hinweise

Das Gelände der DRK-Bergwachtbereitschaft Sigmaringen, zu dem die Ruine und die Burghöhle gehören, ist nicht frei zugänglich. Die Höhle ist verschlossen. Das Areal kann nur in Begleitung von Bergwachtangehörigen, in der Regel im Rahmen von Führungen, begangen werden. Wenden Sie sich bei Interesse an die Bergwachtbereitschaft Sigmaringen unter Kontakt.